{"id":172,"date":"2010-07-29T17:05:03","date_gmt":"2010-07-29T17:05:03","guid":{"rendered":"\/\/www.computerchemist.com\/wordpress\/?p=172"},"modified":"2010-07-29T17:05:03","modified_gmt":"2010-07-29T17:05:03","slug":"progressive-newsletter-nr-69-interview-july-2010-german","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/2010\/07\/29\/progressive-newsletter-nr-69-interview-july-2010-german\/","title":{"rendered":"Progressive Newsletter nr. 69 Interview &#8211; July 2010 (DE)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>Eben nicht nur auf den elektronischen Bereich beschr\u00e4nkt <\/em><\/strong><br><strong><em>&nbsp;<\/em><\/strong><br><em>Zwei seiner Alben wurden bereits im Progressive Newsletter besprochen, sein aktuelles Werk wird in dieser Ausgabe vorgestellt. Um noch etwas mehr Einblick in die Welt des in Ungarn&nbsp; lebenden Briten zu bringen, stellt er sich und seine Musik in diesem Heft mal ausf\u00fchrlicher vor. Auch er \u00fcbrigens mit seiner Antwort (siehe auch Akos\/Tabula Smaragdina) rekordverd\u00e4chtig schnell! Unterst\u00fctzung bei diesem Interview bekam ich \u00fcbrigens von einem guten&nbsp; Freund aus Rum\u00e4nien, Enyedi Zsolt, selbst ein arrivierter Tastenmann \u2013 und da haben wird dann auch gleich noch eine Querverbindung zu Akos.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hallo Dave, stell Dich bitte mal vor und erkl\u00e4re den Lesern des Progressive Newsletter, welche Art von Musik sie von Computerchemist zu erwarten haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hallo J\u00fcrgen, ich hei\u00dfe Dave Pearson, als Soloartist bekannt unter dem Namen Computerchemist. Ich bin Engl\u00e4nder, der jetzt seit 2008 in Ungarn in Sz\u00e9kesfeh\u00e9rv\u00e1r (Stuhlwei\u00dfenburg) wohnt. Hmm, welche Art von Musik die Leser erwartet? Ich m\u00f6chte gerne die Grenzen dessen verschieben, was man unter \u201eklassischer\u201c EM versteht. Auch wenn einige meiner Arbeiten in die Schublade \u201eBerliner Schule\u201c gesteckt wurden, zeigt hoffentlich \u2013 wie ich finde \u2013 die Tatsache, dass meine Musik sowohl auf Rocksendern wie auch im Mainstream-orientierten Bereich \u2013 wenn \u201eMainstream\u201c das richtige Wort im EM-Bereich ist&nbsp; \u2013 gespielt und auch in Jazz Magazinen rezensiert wurde, dass meine Musik etwas mehr zu bieten hat als ein \u201eDurchschnitts\u201c-EM-Werk.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kannst Du uns etwas zu den einzelnen bisher ver\u00f6ffentlichten Alben sagen?<\/strong><br>Mein erstes Album war \u201eAtmospheric\u201d, aufgenommen 2006, ver\u00f6ffentlicht 2007 (und in PNL 65 besprochen!). Ich entschied mich f\u00fcr eine sehr altmodische Herangehensweise an den Gesamtsound, aber es mag \u00fcberraschen, dass alle Synthis, Sequenzerl\u00e4ufe und Schlagzeugparts in Wirklichkeit komplett software-basierte virtuelle Instrumente sind. Tats\u00e4chlich gibt es \u00fcberhaupt nur 2 Titel, in denen eine \u201eechte\u201c Gitarre gespielt wird. Das zweite Album, \u201eIcon one\u201c, ist ein Konzeptalbum, das sich mit den zwei normalerweise im Gleichgewicht befindlichen Gegens\u00e4tzen von Entropie und Energie befasst, also die&nbsp; \u201e0\u201c und \u201e1\u201c Zeichen, die wir auf allen Netzschaltern finden. Und es geht um die Tatsache, dass unsere Welt ungebremst immer mehr aus den Fugen ger\u00e4t, da wir alle nat\u00fcrlichen Ressourcen aufbrauchen. Das dritte, \u201eLandform\u201c,&nbsp; kommentiert die nat\u00fcrliche Sch\u00f6nheit unserer Welt, die tiefen Mysterien der Erde, wobei der zweite Titel des Albums, \u201eDarklight drive\u201d, umgekehrt die Sicht auf den Planeten vom All aus darstellt, zu sehen auf dem youtube video\u2026 Das vierte und bisher letzte Album, \u201eAqual measure\u201c, ist&nbsp; eine Reise ins Element Wasser. Es war eine ganz bewusste Wahl, das Thema Wasser aufzugreifen, nachdem ich nach den Aufnahmen zu \u201eLandform\u201c realisierte, dass ich anscheinend bisher unterbewusst auf die klassischen Elemente \u2013 Luft, Feuer, Erde,\u2026 \u2013 fokussiert hatte. Also war Wasser das logische n\u00e4chste Thema.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest Du Deine Entwicklung sehen, die Du vom Deb\u00fct bis zum aktuellen Album genommen hast? &nbsp;<\/strong><br>Es liegen nur 5 Jahre zwischen Deb\u00fct und \u201eAqual measure\u201d, aber die Kommentare von Rezensenten wie auch Fans scheint klar zu sein: jeder scheint ein anderes Album zu favorisieren, und sogar viele unterschiedliche Tracks! Das finde ich gro\u00dfartig. Ich hoffe, das bedeutet, dass ich mich nicht allzu sehr nur auf eine musikalische Ausrichtung beschr\u00e4nke.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was h\u00e4ltst Du von Progressive Rock und warum sollten Leser des PNL potenzielle Kandidaten sein, ein Computerchemist Album zu h\u00f6ren und zu m\u00f6gen? &nbsp;<\/strong><br>Progressive Rock ist gro\u00dfartig. Die Musiker sind sie selbst, sie k\u00f6nnen machen, was sie wollen. Sie unterliegen keinen Beschr\u00e4nkungen einer Kommerz-Industrie oder m\u00fcssen etwas auf eine bestimmte Art und Weise spielen. Und das kann auch zu einem Problem werden. Wenn ich mal an Progressive Rock als einen&nbsp; eigenen Musikstil denke, wie z.B. ELP, Floyd oder Porcupine Tree. Progressive Rock wurde seinerseits von so vielen Formen beeinflusst wie improvisiertem Jazz, Psychedelic Rock, Metal, Klassik \u2013 was auch genauso umgekehrt gilt \u2013 so dass die Grenzen, was jetzt genau Progressive Rock ist, zumindest f\u00fcr mich nicht klar definiert sind. Ich denke auch, dadurch dass meine musikalischen Einfl\u00fcsse so breit gestreut sind, und meine Instrumentierung auch rock-orientiert ist, dass dadurch auch ein \u201eHardcore\u201d Progressive Fan etwas an meiner Musik finden kann, was er mag. Zumal ich mir diverse Elemente aus diesem riesigen Genre geborgt habe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Bands \/ K\u00fcnstler hatten den gr\u00f6\u00dften Einfluss auf Dich? Kann man dies auch auf Deinen Alben heraush\u00f6ren?<\/strong><br>Ohne jeden Zweifel hatten die Mitte-End-70er Tangerine Dream den gr\u00f6\u00dften Einfluss auf mich, dicht gefolgt von \u2013 in beliebiger Reihenfolge \u2013 Klaus Schulze, King Crimson, ELP, Manuel G\u00f6ttsching, Ashra, Agitation Free, Floyd, David Gilmour, Jah Wobble, Mike Oldfield, Hawkwind, Bill Laswell, After Crying und Csaba Vedres&#8217;s Soloarbeiten, The Mars Volta, fr\u00fche Genesis, Steve Hackett&#8230;. Ja, ich glaube, das h\u00f6rt man gelegentlich raus. Zumindest sagen mir das meine H\u00f6rer!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf dem aktuellen Album taucht als Gastmusiker ein Deutscher namens Uwe Cremer auf. Wie kam es dazu?<\/strong><br>Er nahm vor ein oder zwei Jahren \u00fcber myspace Kontakt mit mir auf. Er hat ein eigenes Solo Projekt namens Level Pi. Sein Stil faszinierte mich \u2013 manchmal ist es sehr gitarren-orientiert, dann wieder hat es starkes Krautrock-Feeling. Wir blieben in Kontakt, und als ich beim Schreiben des Titelsongs von \u201eAqual measure\u201c bemerkte, dass ich eine Gilmour-artige Gitarre brauchte,&nbsp; schlug ich Uwe vor, sich ein paar Gedanken diesbez\u00fcglich zu machen. Ich schickte ihm den Rohmix \u00fcbers Internet zu. Die urspr\u00fcngliche Idee war, zum Ende&nbsp; hin einen kleinen Gitarrenpart einzubringen, aber dann stellte ich fest, dass das, was Uwe mir schickte, viel besser war als ich zu hoffen wagte. Und genau so findet ihr es dann auch auf dem Album.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wirst Du auch bei den n\u00e4chsten Alben mit Gastmusikern arbeiten? K\u00f6nntest Du Dir sogar vorstellen, in <\/strong><strong>einer Band zu spielen oder in einem Projekt involviert zu sein?<\/strong><br>Ja, sicherlich! Ich schaue mich immer nach interessanten Musikern um, mit denen ich zusammen arbeiten k\u00f6nnte. Auf \u201eLandform\u201c zum Beispiel tritt ein Cellist in den Teilen 1 und 5 von \u201eDarklight<br>drive\u201c auf, und ich denke, dies gibt dem Ganzen noch mal eine besondere Note. In einer Band zu arbeiten, kann aber schnell problematisch werden, besonders wenn es dominante Egos gibt. Ich m\u00f6chte nicht rumdiskutieren, ich m\u00f6chte nur spielen! Mitarbeit bei Projekten kann ich mir gut vorstellen. Im Moment arbeite ich aus der Ferne an zwei Projekten mit. Das eine ist mit Uwe Cremer an einem potenziellen neuen Albumkonzept, das andere ist in Verbindung mit einer Art Lesung ein eher noch progressiverer Ansatz. Vielleicht kommt dabei ein Album heraus, eventuell wird es auch live aufgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zu welchem Zeitpunkt werden Gitarrenparts komponiert und arrangiert? Wird dies auf bereits vorhandene Synthigrundlagen aufgebaut, oder kommt erst der Gitarrenpart? Oder gibt es da keine bestimmte Reihenfolge \u2013 passiert es einfach? &nbsp;<\/strong><br>F\u00fcr einen Track wie \u201eTantric race\u201d bildete beispielsweise eine mit dem Echo synchronisierte&nbsp; Bassgitarre \u2013 die wie ein Sequenzer klingt! \u2013 das Grundger\u00fcst. Ich wollte etwas mehr Gitarren-orientiertes machen&nbsp; und dabei die wesentlichen Elemente der Berliner Schule erhalten, das Ganze aber etwas experimenteller gestalten. Nat\u00fcrlich bin ich nicht der Erste, der dies probiert. Dieses St\u00fcck ist eine Art Hommage an Manuel G\u00f6ttsching und sein fantastisches \u201eInterventions\u201c Album. Also in der Tat, hier bildete die Gitarre den Grundrahmen f\u00fcr das St\u00fcck. Aber normalerweise kommt die Gitarre viel sp\u00e4ter, nachdem die Grundstruktur steht. Wenn man allein arbeitet, bedeutet dies, dass es schwieriger wird, wirklich spontan zu sein. Das ist zum Beispiel eine Sache, die das live Zusammenarbeiten mit Musikern so gro\u00dfartig macht \u2013 Ideen hin und her zu werfen und zu bearbeiten.<br>\u00dcblicherweise beginne ich mit einer einzelnen Spur nur mit einem Metronom \u2013&nbsp; \u201eclick track\u201c \u2013, nehme Sequenzerparts hinzu, arrangiere Streicher und andere Akkordparts, identifiziere, wo ich Soli&nbsp; einbringen m\u00f6chte und welcher Art sie sein sollen \u2013 Gitarre \/ Solo Synthesizer \u2013 und zuletzt kommt<br>der Rhythmus hinzu. In diesem Fall ist der Rhythmus sozusagen eine Reaktion auf das, was die anderen Instrumente vorgeben. Da ich Drums live spiele, finde ich dies interessanter zum Anh\u00f6ren. Und am Ende entferne ich dann wieder alle Parts, die ich nicht drin behalten m\u00f6chte. Es ist sehr, sehr leicht, zu viel&nbsp; in ein St\u00fcck hineinzupacken, und du verlierst damit am Ende den \u00dcberblick. Das ist dann also wirklich das finale Arrangieren!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wann begann Deine Leidenschaft f\u00fcr Elektronische Musik und wann hattest Du Dich entscheiden, <\/strong><strong>eigene Musik zu komponieren und einzuspielen?<\/strong><br>Irgendwann 79-80 h\u00f6rte ich in England bei einer Late Night Radiostation Tangerine Dreams&nbsp; \u201eCloudburst flight\u201d. Zu dieser Zeit h\u00f6rte ich meist Rock und Prog. Bands wie Rush, Genesis, Saga, Yes, ELP waren meine Favoriten. Aber \u201eCloudburst flight\u201d hatte dann eine unglaubliche Wirkung auf mich ausge\u00fcbt. Vielleicht weil es TDs dem Prog am meisten nahekommendes Werk war. Aber in dem Moment, als ich dies h\u00f6rte, wollte ich mehr davon. Ich entdeckte sehr schnell ihren riesigen Back-Katalog bis \u201eForce Majeure\u201c und kaufte mir immer, wenn ich es mir leisten konnte, ein TD Album aus dieser Zeit. Und dann entdeckte ich noch Klaus Schulze\u2026 Ich verlie\u00df mit 16 die Schule und bekam einen Job in der Computerbranche. Also hatte ich da schon eine Menge eigenes Geld \u2013 f\u00fcr einen 16j\u00e4hrigen \u2013 und nat\u00fcrlich begann ich, Geld f\u00fcr einen Synthesizer zu sparen. Denn ich wollte auch<br>derartig wunderbare Sounds kreieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit welchem Equipment bist Du gestartet und womit arbeitest Du heute?<\/strong><br>Mein erster Synthesizer war ein Yamaha CS-5. Im gleichen Jahr bekam ich auch eine \u201eSatellite\u201c E-Gitarre zu Weihnachten. Also kaufte ich danach auch noch viele Gitarrenpedale. Ich habe einen einfachen Sequenzer nach eigenem Design konstruiert, der in der Lage war, Sequenzen bestehend aus<br>8 Noten wiederzugeben. Die Tonh\u00f6he beeinflusste ich dabei mittels Drehkn\u00f6pfen \u2013 und indem ich den Yamaha&nbsp; mit Hilfe eines Gitarrenhallfu\u00dfpedals spielte sowie etwas Phaser und ihn mit dem Sequenzer gesteuert habe, bedeutete dies, dass ich meinen ersten&nbsp; \u201eBerliner Schule\u201c Sound geschaffen hatte.&nbsp;&nbsp;&nbsp; Danach kaufte ich ein ARP String Quartet, einen Roland SH-101, SH-09, Korg-Poly 61M, Roland S-10.<br>Ich spielte einen CMI Fairlight im Studio, und dann legte ich mir den S10 Sampler zu \u2013 nicht so teuer wie ein Fairlight! Das waren die wesentlichen Synthesizer, dazu einige einige Effekte aus einem extra \u2013 nicht zum Mischpult geh\u00f6rigen \u2013 Rack, elektronische drum Maschinen, Gitarrenpedale und ein Yamaha Portastudio 4-track zum Aufnehmen. Man kann immer noch eine meine ganz fr\u00fchen Kompositionen von 1984, \u201eSequence 1\u201d, online h\u00f6ren, wenn man nach \u201eUwe Brameier&#8217;s KlangARTen Podcast #12\/2010\u201d sucht, ebenso auf meiner facebook Seite. Dies wurde mit zwei Cassettenrecordern \u2013 ich hatte zu der Zeit kein Multitrack \u2013 aufgenommen: SH-101, Korg Poly61M, und das ARP Quartet.&nbsp; Aber heute \u2013 alle Synthesizer und das ganze Equipment \u2013 weg! Ich habe vor etwa 10 Jahren alles verkauft!&nbsp; Das ist auch der Grund, warum ich den Namen \u201eComputerchemist\u201c w\u00e4hlte. Weil meine ganze Musik heutzutage komplett innerhalb&nbsp; eines Computers generiert und aufgenommen wird. Als einzige \u201ereale\u201d Instrumente sind die Beringher customised guitar mit Fender Lace Sensor Tonabnehmer und Sperzel \u201elocking machine heads\u201c und eine Yamaha Langhals Bassgitarre \u00fcbrig geblieben. Es gibt noch ein paar echte Gitarreneffekte \u2013 mit Wahwah Pedal und Compander \u2013 aber alle anderen Effekte und Sounds kommen aus dem Computer. Um die virtuellen Synthis zu spielen, benutze ich ein Keystation 88 Key Master Keyboard, eine Beringher BCF motorized control Oberfl\u00e4che, und ein Yamaha DD11 Drum Pad f\u00fcr den Rhythmus. Und Cubase SX3 ist das Zentrum des ganzen Setups \u2013 und alles passt in einen Laptop.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hast Du jemals \u201eLive\u201c gespielt oder hast Du Pl\u00e4ne f\u00fcr Konzerte?<\/strong><br>Ich spielte in den 80ern in Rockbands, bevor ich meine Solokarriere startete. Also habe ich live gespielt, aber mehr im Hintergrund. Jetzt schaue ich mich wieder um, live auftreten zu k\u00f6nnen \u2013 dann aber&nbsp; mehr im Vordergrund!&nbsp; Ron Boots von Groove hat mich eingeladen, auf dem E-Live 2010 zu spielen. Darauf freue ich mich schon, und vielleicht kann ich mich einigen n\u00e4her bringen, die Computerchemist bis dato noch nicht kannten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was bedeutet \u201eLive\u201d f\u00fcr einen EM K\u00fcnstler, speziell bei einem 1-Mann-Projekt? Wie l\u00e4sst sich das arrangieren?<\/strong><br>Da ich eher \u201etraditionelles\u201d Rockinstrumentarium benutze, w\u00e4re f\u00fcr mich das ideale Live-Line-Up: Drummer \/ Percussionist, Gitarrist, 2 Keyboarder und ein VJ. Ich denke, bei Konzerten ist das visuelle Element f\u00fcr diese Art von Musik sehr wichtig. Also, in einer idealen Welt w\u00fcrde mein 1-Mann-Projekt eher wie ein normales Band Line-Up aussehen. Zumindest br\u00e4uchte ich live aber einen Drummer. Bei<br>E-Live wird&nbsp; Harold van der Heijden Schlagzeug spielen. Ich habe von einigen EM Bands gelesen, die viel mit \u201eplaybacks\u201c arbeiten m\u00fcssen, was sicherlich nicht ideal ist. Steht man aber alleine auf der B\u00fchne, dann gibt es nat\u00fcrliche Grenzen, was man live bedienen kann. Und ich bin mir nicht im Klaren, wo die Definition von \u201eplaybacks\u201c endet und \u201eSequenzerl\u00e4ufe\u201c beginnt. Speziell, wenn der ganze Titel bereits als digitale Sequenz im Computer gespeichert ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind deine Favoriten \u2013 in der EM- und in der Prog-Szene?<\/strong><br>Tangerine Dream \u2013 \u201eForce&nbsp; Majeure\u201d, \u201eCyclone\u201d, ELP \u2013 \u201eBrain Salad Surgery\u201d, Rush \u2013 \u201e2112\u201d, The Mars Volta \u2013 \u201eFrances the Mute\u201d, Klaus Schulze \u2013 \u201eMoondawn\u201d, \u201eTimewind\u201d, Ash Ra \/ Manuel G\u00f6ttsching \u2013 \u201eInventions For Electric Guitar\u201d, After Crying \u2013 \u201eOverground Music\u201d, Agitation Free \u2013 \u201eMalesch\u201d, Steve Hackett \u2013 \u201eSpectral Mornings\u201d, Pink Floyd \u2013 \u201eWish you were here\u201d, \u201eDark Side of the Moon\u201d, Hawkwind \u2013 \u201eLevitation\u201d, Van der Graaf Generator \u2013 \u201eVital\u201d, Marillion \u2013 \u201eMisplaced Childhood\u201d, Genesis \u2013 \u201eNursery Cryme\u201c, Kraftwerk \u2013 \u201eAutobahn\u201c, Gong \u2013 \u201eYou\u201c, Harald Grosskopf \u2013 \u201eSynthesist\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was macht f\u00fcr Dich gute elektronische Musik aus, was sind die Kriterien?<\/strong><br>Es muss interessant klingen, abwechslungsreich sein, mit einem Dynamikumfang, der das Interesse halten kann. Es gibt nichts Schlimmeres als&nbsp; ein einzelner Akkord oder ein Akkordmuster, das sich immer wieder wiederholt. Das gr\u00f6\u00dfte Problem mit Computergenerierter Musik ist, dass es so einfach ist, eine oder 2 Takteinheiten zu nehmen und 300 mal mit Copy und Paste zu verarbeiten und daraus ein ganzes Album zu machen. F\u00fcr mich hat qualit\u00e4tsvolle elektronische Musik einen flie\u00dfenden Start, gefolgt von einer stark rhythmusbetonten Sequenz mit subtilen Ver\u00e4nderungen. Danach vielleicht etwas Perkussion in Erg\u00e4nzung zu den Sequenzen, aber nur erg\u00e4nzend,&nbsp; nicht dominierend. Dann noch eine wohl tarierte Portion Soloarbeit, oder aber auch v\u00f6llig ohne Solo, stattdessen wird die Klangfarbe und die Intensit\u00e4t der Sequenz variiert. Vielleicht einen etwas langsameren Abschnitt in der Mitte, das schlie\u00dflich zum Ausgangsmotiv zur\u00fcck f\u00fchrt. Und gegen Ende dann wieder einen leichten R\u00fcckschritt zum langsamen, flie\u00dfenden, formlosen Stil vom Beginn. So sieht f\u00fcr mich eine gute Komposition aus. Und blo\u00df nicht einfach nur die Sequenzersektion am Ende ausblenden, das ist d\u00e4mlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Darf man nach Deinem Alter fragen bzw. wie ist Deiner Meinung nach die Korrelation zwischen progressiver und\/oder elektronischer Musik und den verschiedenen Generationen?<\/strong><br>Ich denke, das ist eine interessante Frage. Ich bin Jahrgang 1964 und offensichtlich sind viele Leute, die sich auf Facebook auf meiner Seite gemeldet haben, etwa in meinem Alter, egal ob Fans oder Musiker. Nat\u00fcrlich nicht alle, aber doch ziemlich viele, so meine Beobachtung. Keine Ahnung,<br>ob dies bedeutet, dass auch sie mit dieser Musik gro\u00df geworden sind und von daher auch&nbsp; jetzt diese Art von Musik h\u00f6ren. Aber es gibt sicherlich auch j\u00fcngere Zuh\u00f6rer. Das ist ermutigend, denn dann stirbt diese Musik hoffentlich nicht aus. Ein anderer wichtiger Punkt: ich denke, dass Vieles aus der&nbsp; EM-Szene nicht so veraltet oder altmodisch klingt \u2013 f\u00fcr meinen Geschmack zumindest \u2013 wie in anderen Musikszenen. F\u00fcr mich klingt Kraftwerks \u201eAutobahn\u201c heute noch genauso erfrischend wie 1974. Und ich denke, Derartiges gilt auch in gewissem Ma\u00dfe f\u00fcr Prog im Allgemeinen, auch wenn hier noch gerne das Instrumentarium aus dieser Zeitperiode benutzt wird. Fr\u00fch-70er Prog hat&nbsp; beispielsweise viel Hammondorgel, 80er Prog hat viel Simmonds Drums (arrrgh!).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kann man erst ab einem gewissen Alter derartig tiefgreifende Musik richtig erfassen?<\/strong><br>Ich denke, wenn man j\u00fcnger ist, tendiert man eher dazu, Mainstream-Musik zu h\u00f6ren. In den Gesch\u00e4ften werden fast nur die Top 50 Alben verkauft und die Medien konzentrieren sich mehr auf Pop als auf andere Genres. Wenn man solch einer Umgebung ausgesetzt ist, realisiert man m\u00f6glicherweise gar nicht erst, dass es auch noch etwas Anderes gibt. Der Wendepunkt kam f\u00fcr mich recht fr\u00fch. Um Deine Frage zu beantworten, nein, ich denke nicht, dass es hierf\u00fcr ein Minimalalter gibt. Aber wenn man \u00e4lter wird, h\u00f6rt man sich eher auch andere Arten von Musik an und beginnt, auch diese mehr anzuerkennen als man dies fr\u00fcher tat. Vielleicht m\u00fcssen die Leute einfach nur aufwachen, um zu erkennen, dass das moderne F\u00f6rderband der Popmusikindustrie nicht das einzige auf der Welt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sieht es in der Elektronischen Musik in Sachen Urheberschutz aus?&nbsp; Wie kann derartig improvisationsbestimmte Musik \u00fcberhaupt gesch\u00fctzt werden? Kannst Du z.B. etwas erwarten von ASCAP, GEMA bzw. Dem ungarischen Pendant ARTUSJUS?<\/strong><br>Da wird EM nicht anders behandelt als andere Musik auch. Der Komponist erh\u00e4lt automatisch die vollen Urheberrechte an seiner Musik, sobald diese aufgenommen bzw. orchestriert wurde. Also einfach nur ins Register eintragen lassen bzw. die Musik mit Deinem Copyright und Deinem Namen<br>ver\u00f6ffentlichen, das ist alles. Was die Auff\u00fchrungsrechteOrganisationen betrifft, bin ich komplett gegen derartige Organisationen. Ich habe viele Horrormeldungen gelesen \u00fcber Familien, die von solchen Agenturen schikaniert und in den Bankrott getrieben wurden, nur weil sie irgendetwas geh\u00f6rt<br>haben \u2013 etwas, das sie von jemand Anderem kopiert haben k\u00f6nnten. Meine G\u00fcte, seit wann ist das H\u00f6ren von Musik ein krimineller Akt? Ich habe sogar von Wohlt\u00e4tigkeitsorganisationen geh\u00f6rt, die in K\u00fcchen Suppen verteilten und dabei Musik laufen lie\u00dfen \u2013 ohne Lizenz. Sie wurden geschlossen, weil dies gemeldet wurde! Sie wagten es, Musik zu h\u00f6ren, w\u00e4hrend sie sich freiwillig und kostenlos um Arme k\u00fcmmerten. Unglaublich! Ich denke, die Kriminalisierung gew\u00f6hnlicher Leute, die einfach nur Musik h\u00f6ren, ist der Punkt, wo der Staat v\u00f6llig die Kontrolle \u00fcber die allgemeinen Gesetze verloren und in die H\u00e4nde einiger gro\u00dfer Organisationen gegeben hat. Versteht mich nicht falsch, ich unterst\u00fctze nat\u00fcrlich nicht die&nbsp; Piraterie, aber ich m\u00f6chte nicht mit derartigen Organisationen in Verbindung gebracht werden, die angeblich in meinem Namen handeln. Jeder hat sich mal ein Album von einem Freund ausgeliehen und kopiert. Das ist doch eine feine Sache, Musik zu h\u00f6ren, die man ansonsten vielleicht gar nicht wahrgenommen h\u00e4tte. Und wenn man es mag, kann man das Album \u2013 oder ein anderes des Artisten \/ der Band \u2013 kaufen, oder man schaut sich den\/die K\u00fcnstler live an. Und wenn es nicht gef\u00e4llt &#8211; nun, dann h\u00e4tte man sich das Album eh nicht gekauft. So sehe ich das Ganze. Und dieser Gesellschaftswahnsinn muss aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Speicherst Du Deine Musik auch in Noten ab? Oder, wie es sich f\u00fcr ein echtes Computer-Alchemisten Labor geh\u00f6rt, haben die digitalen Aufnahmesessions das Sagen?<\/strong><br>Ja, genau das ist es, ein echtes Computer-Alchemisten Labor! Die Arbeit wird am Computer entwickelt, wird dort gemixt, wird dort gemastert. Ich benutze Noten f\u00fcr Instrumentalparts, wenn ich mit anderen Musikern arbeite. Zum Beispiel die Cello Parts in \u201eDarklight drive\u201c oder das Tenorsaxophon auf \u201eIcon Zero\u201c. Urspr\u00fcnglich sollte noch Jemand auf \u201eIcon Zero\u201c spielen, aber es kam nicht dazu, und so habe ich tats\u00e4chlich den finalen Part mittels Sampler arrangiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Noch eine pers\u00f6nliche Frage: wie lebt es sich in Ungarn? War Dein Umzug berufsbedingt oder aus privaten Gr\u00fcnden? Wie f\u00fchlst Du Dich in dieser mitteleurop\u00e4ischen \u201eKulturinsel\u201c? Kannst Du von Deiner Musik leben oder ist diese kreative Arbeit Dein zweites Standbein?<\/strong><br>Ich hatte viele Jahre einen \u00e4u\u00dferst lukrativen Job in der IT Branche bei einer FTSE 100 Firma in England. Ich ging jeden Wochentag zur Arbeit, kam abends nach Hause, und das das ganze Jahr \u00fcber. Ich war viel unterwegs und habe keinen einzigen Moment genossen. Irgendwann muss ich dann aus dieser Monotonie erwacht sein und habe mich gefragt, warum ich dies mache, anstatt das Leben zu genie\u00dfen. Also habe ich meinen Job geschmissen, unser Haus in England verkauft und bin mit meiner Familie nach Ungarn gezogen. Ich arbeite nun rund um die Uhr an meiner Musik, also ja, das ist jetzt mein Beruf. Ich arbeite auch noch als Computer-Berater, aber das nur nebenher. Der Hauptgrund,<br>warum ich aus England weggezogen bin, waren die sich immer mehr in die H\u00f6he schraubenden Lebenskosten. Man verdiente viel Geld, nur eben gerade mal alle Rechnungen bezahlen zu k\u00f6nnen, ohne dabei etwas Geld zur\u00fccklegen zu k\u00f6nnen. Das war verr\u00fcckt. Also habe ich alle Darlehen<br>abbezahlt, kaufte eine Wohnung in Sz\u00e9kesfeh\u00e9rv\u00e1r und einen kleines Pl\u00e4tzchen auf dem Lande, und hatte danach sogar noch ein bisschen Geld auf dem Konto. Und jetzt bin ich gl\u00fccklich mit meinem Leben. Ich muss nicht zur Unzeit fr\u00fchmorgens aufstehen, wissend, dass ich nicht machen kann, was ich will\u2013 stattdessen kann ich mich jetzt darauf konzentrieren, was ich aus meinem Leben machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sieht es mit der ungarischen Musikszene (progressive bzw. elektronische Musik) aus?<\/strong><br>Die ungarische \u201eSzene\u201c \u2013 es gibt hier viel mehr unterschiedliche Musik als Du in England&nbsp; finden wirst. Und sehr viele Talente!&nbsp; Auch viele Live Shows, und das schlie\u00dft tats\u00e4chlich die EM-Szene wie auch die Prog-Szene ein! Also ja, das ist hier viel lebendiger als in UK, speziell f\u00fcr so Randerscheinungen wie die elektronische Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind Deine Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft? Wann wird es ein neues Album geben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr wird es kein neues Album geben. Aber schaut nach Neuigkeiten auf meiner Webseite, was die anderen Projekte betrifft. Das n\u00e4chste Computerchemist Album wird es voraussichtlich Ende 2011 geben. Ich werde beim E-Live 2010 sein, und hoffe, euch dort zu sehen. Au\u00dferdem versuche ich jetzt aktiv, andere Auftrittsm\u00f6glichkeiten in Europa f\u00fcr 2011 zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Noch irgendwelche Anmerkungen oder Kontaktadressen f\u00fcr Computerchemist Fans?<\/strong><br>Schaut euch meine Website an: www.computerchemist.com \u2013 dort gibt es auch einen Link zu meiner Facebook Fanpage, wo ich sehr gerne eure Kommentare sehen w\u00fcrde! Wer mir eine Mail schicken m\u00f6chte, benutze bitte dave@computerchemist.com \u2013 Ich werde alle Mails beantworten \u2013 es kann allerdings schon mal etwas dauern.&nbsp; Ich w\u00fcrde gerne abschlie\u00dfen mit den Worten von Bruce Gall, DJ<br>von ARFM&#8217;s \u201eSunday Synth\u201d, der folgendes \u00fcber meine Musik schrieb: \u201eWhether you are a metal, rock or EM fan&#8230;. the best feeling is being nudged into a style of music that you didn&#8217;t really know was there. And when you hear it&#8230;describe that feeling!\u201d&nbsp; JM<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3 page printed interview in Progressive Newsletter, German prog magazine<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":204,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-172","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interviews",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/172","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=172"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/172\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/204"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/computerchemist.com\/wordpress\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}